Steinbergkirche: eine Gemeinde – zwei Kirchspiele – drei Kirchen
Teil I

von Bernhard Asmussen

Auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Steinbergkirche befinden sich drei Kirchen:

St. Martin in Steinbergkirche, St. Nikolai in Quern und die Kirche von Neukirchen!

Erstere gehören zu den beiden Kirchspielen Steinberg und Quern, die seit alters her Teil der Angelner Nieharde sind, während das kleine, ehemals selbstständige Kirchspiel Neukirchen der Munkbrarupharde zugeteilt war. Zur Nieharde gehörten auch die Kirchspiele Esgrus, Sterup und Sörup sowie mindestens bis zum Ende des 16. Jahrhunderts das große Kirchspiel Gelting.

Obwohl die Nieharde, wie ihr Name sagt, eine „neue Harde“ war, zählt sie doch zu den fünf Angelner Urharden, die wohl schon im 12. Jahrhundert von der Struxdorf- und vielleicht auch von der Husby- und der Schliesharde abgetrennt worden war, weil die Bevölkerungszahl durch die starke Besiedlung dieser ehemals waldreichen Gegend stark angestiegen war. Die Zeichen der Nieharde im Hardessiegel von 1499 sind die Mondsichel und der Stern als Symbole für die Gottesmutter Maria und den Gottessohn Jesus Christus. Zwar hatte schon Ansgar, der „Apostel des Nordens“, um 850 in Haithabu eine Kirche gegründet, aber es brauchte noch zwei volle Jahrhunderte, bis der christliche Glaube in Angeln Fuß fassen, und noch einmal 100 Jahre, bis das Kirchenwesen organisiert werden konnte. In der kurzen Zeitspanne zwischen 1150 und 1250 wurden in Angeln fast 40 (!) Kirchen erbaut, später kamen noch acht weitere hinzu. Die Kirchspielorganisation richtete sich nach den damals vorhandenen Dorfschaften, und so umfasste ein „Kirchspiel“ den Bezirk, der von der Predigt erreicht werden konnte. Im Kirchspiel, plattdeutsch: Karspel, ist das althochdeutsche bzw. angel-sächsische Wort „spël/spil“ mit der Bedeutung „Rede/Erzählung“ ent-halten, wie übrigens auch in den Wörtern „Beispiel“ (= Gleichnis) oder „Gospel“ (= Gute Nachricht). Sie blieben über die Jahrhunderte in fast unveränderter Form bestehen, sieht man einmal von der Umgliederung von Habernis (1511) und der Abtrennung von Neukirchen (1622-1991) ab. Aber auch hier werden die Stimmen nach einer Vereinigung zu einem Kirchspiel Quern-Steinberg lauter, um so eine umfassendere seelsorgerische Versorgung und eine effizientere Verwaltung zu gewährleisten. So wird wieder zusammenwachsen, was zusammengehört!

Das älteste Gotteshaus der Nieharde ist die Marienkirche in Sörup, dessen Erbauung um das Jahr 1170 datiert wird. Es folgten noch vor 1200 die beiden Feldsteinkirchen in Esgrus (St. Marien) und Steinberg (St. Martin) und bald darauf als Mischbau die Querner Kirche (St. Nikolai), sowie um 1230 die Backsteinkirche in Sterup (St. Laurentius).

Die Geltinger St. Katharinen-Kirche, ebenfalls ein Backsteinbau, wurde bald nach 1300 gebaut. Erst sehr viel später kam 1622 die „Neue Kirche“ in Nieby (Neukirchen) hinzu, und es vergingen noch einmal rund 300 Jahre, bis die Kirchen in Gundelsby (1908) und Maasholm (1952) errichtet wurden.

Die Querner und die Steruper Kirche wurden als „Filialkirchen“ von Steinberg bzw. Esgrus erbaut, worauf auch die mittelalterliche Kirchspielorganisation hinweist. Danach hat es in den Bezirken Quern-Steinberg und Esgrus-Sterup nur zwei „Ur-Kirchspiele“ gegeben, die wegen der starken Zunahme der Bevölkerungszahl bald geteilt wurden. Das erklärt auch einleuchtend die Randlage der Esgruser und der Steinberger Kirche im äußersten Winkel ihrer Kirchspiele. Bedenken muss man dabei allerdings, dass der Küstensaum entlang der Flensburger Förde und der Geltinger Bucht damals dicht bewaldet und nicht oder nur kaum besiedelt war. Die Katendörfer, die heute ebenso viele oder mehr Bewohner haben als ihre Mutterdörfer, entstanden erst im 18. Jahrhundert. Die Geltinger Kirche lag ebenfalls ganz am Rande des ursprünglich sehr großen Kirchspiels, das sich von „Mynnæsby“ (vor Schleimünde) bis nach „Wackærbol“ (Wackerballig) erstreckte. Diese Wildnis war aber in weiten Teilen ziemlich stark bewaldet, von Sümpfen und Mooren durchzogen und daher nur spärlich besiedelt, und noch 1391schrieb man, dass in dem „Wohld tho Gheltynge“ Wölfe und Bären hausten.

Zunächst hatte man in der Nieharde – wie in den anderen Harden zuvor – nur eine einzige Kirche bauen wollen, und zwar auf dem alten heidnischen Begräbnisplatz zwischen Oster- und Westerholm, dem heute noch so genannten „Alten Friedhof“. Stattdessen aber entstanden hier in ganz kurzer Zeit fünf oder – wenn man Gelting hinzunimmt – sechs Kirchen. Die Sage berichtet dazu: „Die meisten Kirchen in Angeln liegen verkehrt und meist an einer entlegenen Ecke im Kirchspiel. Überall fast gibt man als Grund an, dass man zuerst auch anders habe bauen wollen, aber was man am Tage aufführte, ward nachts abgebrochen. Da hat man zu Gott gefleht, dass er ein Zeichen gebe, wo sein Haus stehen solle, und es ist dann mitten im Sommer auf Johannistag (24. Juni) an den Plätzen Schnee gefallen, wo jetzt die Kirchen stehen. So fiel einmal an drei Orten zugleich Schnee, und man erbaute da die Kirchen zu Esgrus, Steinberg und Quern (oder Sterup, wie andere sagen).“ Auch die Geltinger Kirche sollte der Sage nach auf der Koppel „Kirchenacker“ zwischen Stenderup und Gundelsby, also ziemlich in der Mitte des Kirchspiels erbaut werden. Wäre damals dieser Platz gewählt worden, hätte die Teilung des Geltinger Kirchspiels in unserer Zeit wohl nicht stattgefunden!

Seit über 800 Jahren sind die alten Kirchen Mittelpunkte der christlichen Gemeinden unserer Dörfer. Unzählige Pastoren – katholische und evangelische, tüchtige und weniger tüchtige – haben in ihnen gewirkt, und viele Generationen haben an und in den Gebäuden gearbeitet und sie so werden lassen, wie sie heute sind. Alle haben sie versucht, ihren Glauben zum Ausdruck zu bringen durch das Wort und durch ihrer Hände Arbeit in dem, was sie in Stein, Holz, Metall und durch Farbe geschaffen haben. So beherbergen unsere drei Kirchen, die in den nächsten Ausgaben unserer „För di“ kurz vorgestellt werden sollen, in erstaunlicher Vielfalt zahlreiche Kunstwerke aus fast allen Stil-Epochen. Sie sind aber viel mehr als nur kunsthistorisch interessante Bauwerke, die zu besichtigen sich lohnt. Sie sind Orte der Besinnung und des Gebets, der Freude und der Stille gleichermaßen.

Bernhard Asmussen